Grafik: Ernst-Otto Pieper, 25712 Burg in Dithmarschen

Wildhüter St. Hubertus e.V.

Die ältesten Speere der Menschheit

Das Paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum

Wer auf der Autobahn Hannover – Berlin (A2) unterwegs ist und etwas Zeit hat, sollte nicht versäumen, das Paläon in Schöningen (Nähe Helmstedt) zu besuchen. Das Paläon, am 24. Juni 2013 eröffnet,  ist ein Besucherzentrum und Museum, das ausschließlich für die Ausstellung der „Schöninger Speere“ und die Darbietung der Lebensverhältnisse zu deren Entstehung errichtet wurde.

Die Einrichtung befindet sich in unmittelbarer Nähe des Fundorts der Speere.

Über die Architektur des Gebäudes kann man sich streiten – ich finde es „potthässlich“ und nutze es als Negativ-Beispiel beim Thema „Vögel und Glas“.

Jagd und Sammeln waren die wirtschaftliche Grundlage der Menschen in der Altsteinzeit. Diese begann vor rund 2,5 Millionen Jahren im Osten Afrikas und endete in unseren Breiten vor rund 10. 000 Jahren mit dem Ausklingen der letzten Eiszeit.

Steinwerkzeuge aus dieser Zeit sind keine Seltenheit, Holzgeräte dagegen sind wegen ihrer ungünstigen Erhaltungsbedingungen äußerst selten. Zu ihnen gehören in Europa ein etwa 38 cm langes Spitzenbruchstück einer altpaläolithischen Eibenholzlanze von Clacton-on-Sea, Ostengland (1911 geborgen) und die 1948 geborgene, etwa 2,40 m lange Eibenholzlanze von Lehingen, Landkreis Verden, aus dem Eem-Interglazial, mit der vor rund 120 000 Jahren ein Waldelefant erlegt wurde.
Seit den frühen 80er Jahren werden im Braunkohlentagebau Schöningen Grabungen durchgeführt.

Am Rande des Tagebaus, an der so genannten Fundstelle 13 II, entdeckten die Archäologen 1994 und in den folgenden Jahren die Überreste eines spektakulären Jagdereignisses von vor ca. 300 000 Jahren. Sie fanden einen Schlachtplatz mit etwa 12.000 Tierknochen, die von mindestens 36 Wildpferden sowie vereinzelt von Bison, Auerochsen und Hirschen stammen. Zwischen den Knochen lagen sehr sorgfältig bearbeitete Steinwerkzeuge und zahlreiche Abschläge.

Außergewöhnlich und weltweit einmalig ist die Überlieferung von Holzartefakten aus dieser Zeit. Zwischen den Knochen befanden sich – nach bisherigem Stand der Auswertung – mindestens 10 hölzerne Speere, von denen 6 vollständig erhalten sind. Neben den Speeren wurden auch ein beidseitig angespitztes Wurfholz sowie ein angekohlter Holzstab gefunden.

Die Speere haben Längen von 1,82 bis 2,50 m bei einem maximalen Durchmesser von ca. 3 bis 5 cm.
Bis auf eine Ausnahme sind alle Speere aus Fichte hergestellt und ihre Bearbeitung ist von besonderer Qualität.

Da der größte Durchmesser und Schwerpunkt der Speere im Vorderteil des Schaftes liegt, ist klar, dass es sich nicht um Stoßlanzen, sondern um Wurfspeere handelt.
Damit liegen aus dem Braunkohlentagebau Schöningen die ältesten vollständig erhaltenen Holzspeere der Welt vor, die zugleich die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt sind.

Die Funde sind ein eindrucksvoller Beleg für das unerwartet komplexe Verhalten des Homo heidelbergensis. Die Menschen der damaligen Zeit waren äußerst geschickte Jäger.

Ausgestattet mit hervorragenden technischen Fertigkeiten in der Holzbearbeitung waren sie zu dieser frühen Zeit längst befähigt, eine Großwildjagd mit speziellen Waffen vorausschauend zu planen, zu organisieren, zu koordinieren und erfolgreich durchzuführen. Die Speerfunde ermöglichen somit Einblicke in altpaläolithische Arbeits- und Lebensweisen, besonders in Hinblick auf eine effektive Nahrungsbeschaffung sowie der damit verbundenen Arbeitskooperation, und tragen so dazu bei, ein neues Bild vom frühen Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und auch seinem sozialen Verhalten zu entwerfen.

Adresse des Paläon für das Navigationssystem: Paläon 1, 38364 Schöningen

Ernst-Otto Pieper

Foto: Ernst-Otto Pieper, 25712 Burg in Dithmarschen
Foto: Ernst-Otto Pieper, 25712 Burg in Dithmarschen